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Philosophie-News
Die Philosophie von Krieg und Frieden. - Eine Frage an Kant
Was würde Kant zum Krieg sagen? - "Eine schöne, gute und schwierige Frage. Schön ist sie, weil sie mit einem Satz unsere Angewiesenheit auf Traditionen illustriert. Der vor über zweihundert Jahren gestorbene Kant soll zu einem Ereignis befragt werden, von dem er noch gar nichts wissen konnte. Offenbar genügt unser eigener Bezug auf das aktuelle Geschehen nicht, um uns eine verlässliche, mit unserem Selbstverständnis übereinstimmende Orientierung zu geben. Gerade vor großen Zukunftsfragen rücken Gegenwart und Vergangenheit stärker zusammen, als es dem Präsenzpositivismus in Politik und Wissenschaft lieb ist.
[...] Kant ist die erste Adresse, weil er auch der erste ist, der seine politische Theorie mit Blick auf eine Weltordnung entworfen hat, um derentwillen der Krieg geführt werden muss. Dabei ist sein Urteil von besonderem Wert, weil er keinen Zweifel daran gelassen hat, dass der Frieden als Bedingung, Mittel und Ziel allen politischen Handelns zu gelten hat.

Schwierig ist die Frage, weil sie sich nicht auf ein begrenztes Theoriestück in Kants Schriften beschränken lässt. So genügt es nicht, aus den Schriften Zum ewigen Frieden (1795) oder zur Rechtslehre (1797) einzelne Antworten zu extrahieren, sondern man muss den Geist der kritischen Philosophie erfassen, um die Gemeinsamkeiten zu erkennen, die trotz einer großen Zeitdifferenz und einer unerhörten Verdichtung des weltweiten Handlungsraums besteht.

Kant ist der erste, der dem aus kolonialen Erfahrungen und nationalstaatlichen Interessen erwachsenen Völkerrecht eine globale Perspektive gibt. Er geht weit über die christlich-humanistischen Friedensrufe des 16. und über die noch an die Fürsten adressierten Friedensprojekte des 17. und 18. Jahrhunderts hinaus. Er entwirft eine für alle Völker gültige Rechtsordnung, die das Menschenrecht zur Grundlage und die Sicherung des Weltbürgerrechts zum Ziel hat.
Die Konzeption des Weltbürgerrechts ist Kants eigene Idee, und die Juristen haben erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts begriffen, welchen konkreten, unmittelbar praktischen Stellenwert dieses utopisch anmutende Individualrecht hat: Es gewährt jedem Bürger, aus welchem Land er auch kommt, und ganz gleich, in welchem Staat er sich befindet, den elementaren Schutz eines gerichtlichen Verfahrens. Damit garantiert es auch bei gegebener Differenz zwischen den einzelnen Verfassungen den juridischen Schutz eines jeden einzelnen Menschen.
Das Weltbürgerrecht artikuliert das Minimum rechtlicher Kohärenz unter den Bedingungen staatlicher Pluralität. Dieses Elementarrecht benennt daher auch die Mindestbedingung für internationale Koexistenz. Ein Staat, der ihr nicht genügt, bestreitet auch den Bürgern des eigenen Landes den weltbürgerlichen Status. Er will somit selbst nicht Teil einer Staatenordnung sein; er negiert die pluralen Bedingungen seiner eigenen Existenz. Gesetzt, er ist gleichwohl an seiner eigenen Erhaltung interessiert, kann das nur bedeuten, dass er alle anderen Staaten ausschließlich nach seinen Vorstellungen beherrschen will."
Nach einem Artikel von Volker Gerhardt, 2001
(Erstellt am 12.05.2022, 11:37)

Den Akrasia-Effekt bekämpfen
Unter Akrasia (altgriechisch ἀκρασία , lateinisch incontinentia, Willensschwäche, Unbeherrschtheit, Handeln wider besseres Wissen) versteht man den Fall, dass eine Person eine Handlung ausführt, obwohl sie eine alternative Handlung für besser hält. Die Analyse entsprechender Handlungen ist eines der zentralen Probleme der philosophischen Disziplin der Handlungstheorie.
Es ist ein Problem so alt wie die Menschheit selbst, dennoch ist es vielen Menschen nicht bewusst. Oder nur teilweise bewusst. Immer dann, wenn wir etwas Großes vorhaben, Pläne schmieden, sich neue Vorsätze nehmen, eine Deadline erreichen oder einen Termin pünktlich wahrnehmen wollen, – dann kommt plötzlich etwas dazwischen. Der Akrasia-Effekt schlägt zu. Wie kommt der Akrasia-Effekt zustande?
Der Grund dafür, dass wir alle den Akrasia-Effekt mehr oder weniger intensiv kennen, liegt in unserer Biologie begründet. Unser Gehirn ist eher darauf ausgerichtet, kurzfristige Belohnungen zu bevorzugen als langfristige. Das menschliche Gehirn strebt nach Belohnungen, so hat es sich nach Jahrmillionen entwickelt.
Wenn du also lieber auf der Couch liegst, anstatt auf die Straße zum Joggen zu gehen, dann liegt das daran, dass dein Gehirn den unmittelbaren Genuss bevorzugt. Gleichzeitig kann es langfristige Erfolge, die mit der sportlichen Betätigung einhergehen, weniger anfangen. Möchtest du jedoch deine gesteckten Ziele erreichen, dann musst du lernen, unmittelbare Belohnungen aufzuschieben.
Es gibt zu diesem Thema seit der Antike viel philosophisches Wissen. Und jemand meint: Der Sieg gegen die Akrasia setzt die Entschleunigung unserer Lebensverhältnisse voraus.
(Erstellt am 26.02.2022, 19:26)

Keine Freiheit ohne Angst
„Angst kann man vergleichen mit Schwindel. Wessen Auge in eine gähnende Tiefe hinunterschaut, der wird schwindlig. Der Grund seines Schwindels aber ist ebensosehr sein Auge wie der Abgrund; denn gesetzt, er hätte nicht hinuntergestarrt! So ist die Angst der Schwindel der Freiheit, der aufsteigt, wenn (…) die Freiheit nun hinunterschaut in ihre eigene Möglichkeit und dabei die Endlichkeit ergreift, um sich daran zu halten.“
Søren Kierkegaard: Der Begriff Angst (1844)

Angst und Freiheit betreffen jeden Menschen direkt in seiner Existenz. Wir neigen heute dazu, Angst ausschließlich negativ, Freiheit hingegen positiv zu bewerten. Kierkegaard weist auf die wesentliche Verflechtung der beiden hin: Es gibt keine Freiheit ohne Angst. Zugleich aber tendieren wir gerade in der Angst dazu, uns von der Freiheit abzuwenden: Wir leben dann möglichst konform oder lenken uns mit kurzfristigen Vergnügungen ab. Sich auf die richtige Weise zu ängstigen, ist eine Kunst. Es gilt, weder in Angst zu versinken noch die Angst und damit die Freiheit zu vermeiden.

In der Offenheit unserer Situation sind wir auf uns selbst und unsere eigene Verantwortung zurückgeworfen: Es erfasst uns der „Schwindel der Freiheit“. Der Blick in den Abgrund ängstigt uns und doch können wir den Blick kaum abwenden. In der Angst zeigt sich auf berauschende und erschreckende Weise die Möglichkeit der Freiheit. Doch da diese Angst schwer auszuhalten ist, ergreifen wir „die Endlichkeit“, wir verdrängen unsere Freiheit und halten uns an Bekanntes und scheinbar Notwendiges. (Aus dem Philosophie Magazin, 23. Februar 2021)
(Erstellt am 5.10.2021, 21:32)

Pandemie und Philosophie
In dieser Corona-Pandemie-Zeit ist auch die Philosophie in einer Ausnahmesituation. Welchen Beitrag sollte die Philosophie gerade jetzt leisten? In der "Zeitschrift für Praktische Philosophie" (www.praktische-philosophie.org) gibt es eine Zusammenfassung dieser Problematik. Zum Artikel (PDF).
(Erstellt am 10.03.2021, 10:22)

Hier entsteht (alles ist im Aufbau begriffen) eine Internetpräsentation der Themen

  1. Der Augenblick

  2. Die Zeit

  3. Der Zufall

Motivation

 

Copyright Gerri Zotter

Mich beeinflusst dieses Thema "der günstige Augenblick" sehr. Es gehört zum Leben, dass wir immer wieder vor Entscheidungen stehen und manchmal das klare Wissen haben, jetzt hab ich den Augenblick für die richtige Entscheidung versäumt, jetzt - das wäre es gewesen ... Aus diesen Erfahrungen (eben mit diesem unangenehmen Beigeschmack) kann man viel lernen. Jeder von uns kann nun sein Gewordensein lassen wie es ist, oder auch beginnen, eine Lebensschule (eine Kairos-Schule) für dieses Lernen des Lebens im Augenblick anzufangen.

Wir haben zwei Möglichkeiten! Von anderen lernen oder durch sich selbst, durch Selbstbeobachtung und indem wir die eigene Selbstachtung anzuheben versuchen. Aber wir wissen alle, wie schwer es ist, sich zu verändern, seinem Habitus eine neue Richtung zu geben. Es geht nur über den Willen, durch das eigene Engagement, durch zielstrebiges Handeln. Die erfüllenden existentiellen Augenblicke werden so immer mehr.

Und wo ist das Vorbild? Die Erfahrung eines Mitmenschen, die mir helfen könnte?
Ich lese oft solche Sätze: Im Jetzt sein, in einem höchstmöglichen Maße anwesend, gegenwärtig sein. Ich verstehe es als eine Fähigkeit und zugleich als eine Haltung, die es mir ermöglicht, im Augenblick zu leben.
Aber wo sind die konkreten Beispiele für diese Beschreibungen?

Allgemeine Hinweise


In nächster Zeit (ab Juli 2012!) werden hier zu den oben angegebenen Themen Texte und Arbeiten veröffentlicht werden. Wenn Sie möchten, tragen Sie Ihre Stellungnahmen, Ihre Erfahrungen, Ihre philosophischen Überlegungen auf den Blog Kairos-Seiten ein.
Diese Seiten sollen auch zu philosophischen Aktivtäten verlinken, Veranstaltungen bekannt machen, wie z.B. über den Veranstaltungskalender des "blauen reiters". Kurzum: Es soll kairos.at philosophisch aktuell sein.


 

Buchtipps
Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. Hanser, 2020
Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht. Klett-Kotta 2017
Jim Holt: Gibt es Alles oder Nichts? Hamburg 2016
Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes, Berlin 2016
Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
Michael Hampe: Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. Suhrkamp, Berlin 2014
Herbert Schnädelbach: Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann; C.H. Beck Verlag, München 2012
Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. btb, 2006
Daniel Gilbert: Ins Glück stolpern, Riemann, 2006


Letzte Bearbeitung: 30.8.2021

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