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Philosophie-News
Affektkommunikation
Die diskursive Rationalität wird heute auch durch die Affektkommunikation bedroht. Wir lassen uns zu sehr von schnell aufeinander folgenden Informationen affizieren. Affekte sind schneller als Rationlität. In einer Affektkommunikation setzen sich nicht bessere Argumente, sondern Informationen mit größerem Erregungspotenzial durch. So generieren Fake News mehr Aufmerksamkeit als Tatsachen. Ein einziger Tweet, der Fake News oder ein kontextualisiertes Informationsfragment enthält, ist womöglich wirkungsvoller als ein begründetes Argument.
Byung-Chul Han in: Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie. 2021
(Erstellt am 17.09.2022, 9:59)

Das Problem mit der liberalen Demokratie
PhilMagazin: Herr Zhao Tingyang, Francis Fukuyama sieht die westlich-liberale Demokratie durch die Wehrhaftigkeit der Ukraine gegen Russland gestärkt. Sehen Sie das auch so?
Zhao Tingyang: Es ist zu früh, um die Folgen des Krieges abzuschätzen. Die unmittelbare Wahrnehmung kann sich als irrig erweisen, wenn sie am Konzept der "longue durée" gemessen wird, wie es Fernand Braudel entwickelt hat. Seit ich Braudel gelesen habe, lese ich weniger Nachrichten. Wichtiger sind die Veränderungen in der ontologischen Beschaffenheit unserer Realität. "Ontologische Ereignisse" bewirken einen Wandel der Lebensweisen. Laut dem "I Ging: Das Buch der Wandlungen", einer Art chinesicher Bibel, sind die epochalen Umbrüche vor allem technologische Erfindungen.[...]. Insofern liegt Fukuyama mit seinem "Ende der Geschichte" falsch. Die Welt bewegt sich weiter. Vom aufklärerischen Erbe der liberalen Demokratie scheint dabei nicht mehr viel übrig zu bleiben. Das Konzept der Demokratie ist offen für andere Möglichkeiten, da sich die Realität ontologisch verändert. Ich habe die Theorie der "smart democracy" vorgeschlagen, in der Hoffnung auf einen vernünftigeren Umgang mit Problemen, die im Rahmen der liberalen Demokratie offenbar nicht zu lösen sind.
Was ist das Problem?
Innerhalb der liberalen Demokratie ist die "Publikratie" ein trojanisches Pferd der Unvernunft. Mit Publikratie meine ich eine demokratische Verzerrung oder einen Missbrauch von Demokratie. Anstelle des "öffentlichen Gebrauchs der Vernunft", von dem Kant spricht, fördert dei Publikratie vorgefertigte Meinungen und eine kollektive Irrationalität, die den öffentlichen Raum beherrscht. Der öffentliche Raum in Gestalt der Agora sollte mittels offener und vernünftiger Debatten das Denken von willkürlichen Doktrinen befreien. Doch die Publikratie ist zu einem "Markt der Meinungen" geworden, auf dem sich die verführerischsten Vorurteile, Ideologien, Gerüchte und Lügen durchsetzen. Die Welt erlebt die Geburt einer despotischen Publikratie, einer Entstellung der Demokratie im Namen der Demokratie.
Ein Gespräch mit Zhao Tingyang in: Philosophie Magazin Nr. 04,2022; Seite 57
(Erstellt am 24.08.2022, 12:36)

Die Natur schützen
Dass die uns umgebende Natur vor den ins Unermessliche gewachsenen Eingriffsmöglichkeiten des Menschen geschützt werden muss, steht außer Zweifel. Doch welche Natur wollen und sollen wir schützen? Meinen wir mit “der Natur” den gegenwärtig erreichten Zustand? Oder ist die Erhaltung der Überlebensbedingungen des Menschen diejenige “Natur”, die wir schützen wollen? Oder meinen wir mit “der Natur” eine verlorengegangene “heile Natur” vor allen Eingriffen des Menschen? Von welcher “Natur” sprechen wir, wenn es um die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens geht? Auf diese Fragen können wir von den Naturwissenschaften allenfalls begrenzt Antworten erhalten, denn ihrer methodischen Einstellung entsprechend verstehen sie unter der Natur alles, was der Fall ist. In diesem Sinn gehören aber auch das Ozonloch und das AIDS-Virus zur Natur. Mit Hilfe der Naturwissenschaften können wir bestimmte Gleichgewichte in der Natur beschreiben, Schwellenwerte für bestimmte Wirkungen feststellen und in Form von “Wenn-dann-Sätzen” angeben, welche Risiken mit welchen Prozessen für den Menschen oder das ihn umgebende System einhergehen. Um ein bestimmtes Gleichgewicht in der Natur zu erhalten oder um die Minimalbedingungen des Überlebens zu sichern, reichen diese Erkenntnisse in der Regel aus. Doch Fragen, die sich mit Artenschutz, Landschaftspflege oder einer humanen Lebenswelt beschäftigen, setzen Zielvorstellungen voraus, bei denen ein rein deskriptiver naturwissenschaftlicher Naturbegriff zu kurz greift.
Aus: "Die Verantwortung der Philosophie für Mensch und Umwelt" von Ludger Honnefelder
(Erstellt am 30.06.2022, 7:20)

Die Philosophie von Krieg und Frieden. - Eine Frage an Kant
Was würde Kant zum Krieg sagen? - "Eine schöne, gute und schwierige Frage. Schön ist sie, weil sie mit einem Satz unsere Angewiesenheit auf Traditionen illustriert. Der vor über zweihundert Jahren gestorbene Kant soll zu einem Ereignis befragt werden, von dem er noch gar nichts wissen konnte. Offenbar genügt unser eigener Bezug auf das aktuelle Geschehen nicht, um uns eine verlässliche, mit unserem Selbstverständnis übereinstimmende Orientierung zu geben. Gerade vor großen Zukunftsfragen rücken Gegenwart und Vergangenheit stärker zusammen, als es dem Präsenzpositivismus in Politik und Wissenschaft lieb ist.
[...] Kant ist die erste Adresse, weil er auch der erste ist, der seine politische Theorie mit Blick auf eine Weltordnung entworfen hat, um derentwillen der Krieg geführt werden muss. Dabei ist sein Urteil von besonderem Wert, weil er keinen Zweifel daran gelassen hat, dass der Frieden als Bedingung, Mittel und Ziel allen politischen Handelns zu gelten hat.

Schwierig ist die Frage, weil sie sich nicht auf ein begrenztes Theoriestück in Kants Schriften beschränken lässt. So genügt es nicht, aus den Schriften Zum ewigen Frieden (1795) oder zur Rechtslehre (1797) einzelne Antworten zu extrahieren, sondern man muss den Geist der kritischen Philosophie erfassen, um die Gemeinsamkeiten zu erkennen, die trotz einer großen Zeitdifferenz und einer unerhörten Verdichtung des weltweiten Handlungsraums besteht.

Kant ist der erste, der dem aus kolonialen Erfahrungen und nationalstaatlichen Interessen erwachsenen Völkerrecht eine globale Perspektive gibt. Er geht weit über die christlich-humanistischen Friedensrufe des 16. und über die noch an die Fürsten adressierten Friedensprojekte des 17. und 18. Jahrhunderts hinaus. Er entwirft eine für alle Völker gültige Rechtsordnung, die das Menschenrecht zur Grundlage und die Sicherung des Weltbürgerrechts zum Ziel hat.
Die Konzeption des Weltbürgerrechts ist Kants eigene Idee, und die Juristen haben erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts begriffen, welchen konkreten, unmittelbar praktischen Stellenwert dieses utopisch anmutende Individualrecht hat: Es gewährt jedem Bürger, aus welchem Land er auch kommt, und ganz gleich, in welchem Staat er sich befindet, den elementaren Schutz eines gerichtlichen Verfahrens. Damit garantiert es auch bei gegebener Differenz zwischen den einzelnen Verfassungen den juridischen Schutz eines jeden einzelnen Menschen.
Das Weltbürgerrecht artikuliert das Minimum rechtlicher Kohärenz unter den Bedingungen staatlicher Pluralität. Dieses Elementarrecht benennt daher auch die Mindestbedingung für internationale Koexistenz. Ein Staat, der ihr nicht genügt, bestreitet auch den Bürgern des eigenen Landes den weltbürgerlichen Status. Er will somit selbst nicht Teil einer Staatenordnung sein; er negiert die pluralen Bedingungen seiner eigenen Existenz. Gesetzt, er ist gleichwohl an seiner eigenen Erhaltung interessiert, kann das nur bedeuten, dass er alle anderen Staaten ausschließlich nach seinen Vorstellungen beherrschen will."
Nach einem Artikel von Volker Gerhardt, 2001
(Erstellt am 12.05.2022, 11:37)

Hier entsteht (alles ist im Aufbau begriffen) eine Internetpräsentation der Themen

  1. Der Augenblick

  2. Die Zeit

  3. Der Zufall

Motivation

 

Copyright Gerri Zotter

Mich beeinflusst dieses Thema "der günstige Augenblick" sehr. Es gehört zum Leben, dass wir immer wieder vor Entscheidungen stehen und manchmal das klare Wissen haben, jetzt hab ich den Augenblick für die richtige Entscheidung versäumt, jetzt - das wäre es gewesen ... Aus diesen Erfahrungen (eben mit diesem unangenehmen Beigeschmack) kann man viel lernen. Jeder von uns kann nun sein Gewordensein lassen wie es ist, oder auch beginnen, eine Lebensschule (eine Kairos-Schule) für dieses Lernen des Lebens im Augenblick anzufangen.

Wir haben zwei Möglichkeiten! Von anderen lernen oder durch sich selbst, durch Selbstbeobachtung und indem wir die eigene Selbstachtung anzuheben versuchen. Aber wir wissen alle, wie schwer es ist, sich zu verändern, seinem Habitus eine neue Richtung zu geben. Es geht nur über den Willen, durch das eigene Engagement, durch zielstrebiges Handeln. Die erfüllenden existentiellen Augenblicke werden so immer mehr.

Und wo ist das Vorbild? Die Erfahrung eines Mitmenschen, die mir helfen könnte?
Ich lese oft solche Sätze: Im Jetzt sein, in einem höchstmöglichen Maße anwesend, gegenwärtig sein. Ich verstehe es als eine Fähigkeit und zugleich als eine Haltung, die es mir ermöglicht, im Augenblick zu leben.
Aber wo sind die konkreten Beispiele für diese Beschreibungen?

Allgemeine Hinweise


In nächster Zeit (ab Juli 2012!) werden hier zu den oben angegebenen Themen Texte und Arbeiten veröffentlicht werden. Wenn Sie möchten, tragen Sie Ihre Stellungnahmen, Ihre Erfahrungen, Ihre philosophischen Überlegungen auf den Blog Kairos-Seiten ein.
Diese Seiten sollen auch zu philosophischen Aktivtäten verlinken, Veranstaltungen bekannt machen, wie z.B. über den Veranstaltungskalender des "blauen reiters". Kurzum: Es soll kairos.at philosophisch aktuell sein.


 

Buchtipps
Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. Hanser, 2020
Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht. Klett-Kotta 2017
Jim Holt: Gibt es Alles oder Nichts? Hamburg 2016
Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes, Berlin 2016
Luciano Floridi: Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
Michael Hampe: Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. Suhrkamp, Berlin 2014
Herbert Schnädelbach: Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann; C.H. Beck Verlag, München 2012
Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. btb, 2006
Daniel Gilbert: Ins Glück stolpern, Riemann, 2006


Letzte Bearbeitung: 30.8.2021

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